Die Pyramide des

Caius Cestius

Die Cestius-Pyramide zählt zu den außergewöhnlichsten Monumenten des antiken Rom. Errichtet zwischen 18 und 12 v. Chr. als Grabmal für den Prätor und Priester Caius Cestius Epulo, spiegelt der 36 Meter hohe, mit Carrara-Marmor verkleidete Bau die Ägyptenbegeisterung der römischen Elite nach der Eroberung Ägyptens durch Augustus wider. Bemerkenswert ist seine steile Form, die eher an die nubischen Pyramiden von Meroe als an die berühmten Pyramiden von Gizeh erinnert. Im späten 3. Jahrhundert n. Chr. wurde das Bauwerk in die Aurelianische Stadtmauer integriert und dadurch dauerhaft gesichert. Dank dieser ungewöhnlichen Nachnutzung zählt die Cestius-Pyramide heute zu den am besten erhaltenen Grabbauten der römischen Antike.


Im Zeitalter der Grand Tour wurde die Cestius-Pyramide zu einem jener römischen Orte, an denen sich die europäische Antikenwahrnehmung verdichtete. Als exotisch anmutendes Grabmal innerhalb der klassischen Stadtordnung faszinierte sie Reisende des 18. und 19. Jahrhunderts und wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt der Ägyptenrezeption. Ihre Form wirkte über Rom hinaus und fand Widerhall in der Landschaftsarchitektur des Klassizismus sowie in den „Follies“ europäischer Gartenkunst. In direkter Nachbarschaft entwickelte sich der protestantische Friedhof mit den Gräbern von Percy Bysshe Shelley, John Keats und August von Goethe zu einem weiteren Resonanzraum dieser Wahrnehmung. So wurde die Cestius-Pyramide zu einem vielschichtigen Erinnerungsort der europäischen Moderne.


Pyramide des Caius Cestius

Römische Selbstdarstellung im Spiegel der Ägyptenbegeisterung

Die Cestius-Pyramide ist ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie sich die römische Architektur im 1. Jahrhundert v. Chr. von ägyptischen Vorbildern inspirieren ließ. Ihr Bau fällt in eine Zeit großer kultureller Faszination für Ägypten, die nach dem Sieg des Octavian bei der Schlacht von Actium im Jahr 31 v. Chr. und der anschließenden Eingliederung Ägyptens in das Römische Reich besonders ausgeprägt war. Auch der Tod der letzten ägyptischen Königin Kleopatra VII. trug dazu bei, dass sich in Rom eine regelrechte Begeisterung für ägyptische Kunst- und Architekturformen entwickelte, die sich unter anderem in Grabmonumenten, Obelisken und anderen Bauwerken niederschlug.



In diesem kulturellen Kontext entstand das Grabmal des Caius Cestius Epulo, eines römischen Prätors, Volkstribuns und Mitglieds des Priesterkollegiums der Septemviri Epulonum. Die Pyramide wurde zwischen etwa 18 und 12 v. Chr. an der Via Ostiensis, nahe der heutigen Porta San Paolo, an einer wichtigen Weggabelung errichtet. Dort kreuzten sich die antike Via Ostiensis und eine Straße, die in Richtung Tiber führte, wodurch das Grabmal eine besonders prominente und gut sichtbare Lage erhielt.

Pyramide des Cestius

Eine Inschrift an der Fassade nennt Caius Cestius als Sohn des Lucius aus der Tribus Publilia und verweist auf seine politischen und religiösen Ämter als Prätor, Volkstribun und Mitglied der Septemviri Epulonum. Eine weitere Inschrift hält fest, dass das Grabmal innerhalb von 330 Tagen vollendet wurde. Da die Inschrift ausdrücklich auf das Testament des Verstorbenen Bezug nimmt, wird in der Forschung häufig angenommen, dass die rasche Fertigstellung auf testamentarische Vorgaben des Cestius zurückging. Dies verdeutlicht die enge Verknüpfung von Bestattungswesen, Erbrecht und repräsentativer Selbstdarstellung im Rom der augusteischen Zeit.


Bemerkenswert ist auch der architektonische Hintergrund der Pyramide. Ihre steile Form erinnert an die Pyramiden Nubiens, insbesondere an jene des Reiches von Meroe. Ob diese Ähnlichkeit auf unmittelbare Vorbilder zurückgeht oder allgemeiner Ausdruck der zeitgenössischen Begeisterung für ägyptische und orientalische Formen ist, lässt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Im Inneren verbindet das Grab jedoch eindeutig römische Elemente – darunter ein Tonnengewölbe und Freskenmalereien – mit der nach außen hin deutlich ägyptisierenden Gestaltung.


Im 3. Jahrhundert n. Chr. wurde das Grabmal schließlich unter Kaiser Aurelian in die neu errichtete Aurelianische Mauer integriert, wodurch es bis heute Teil der antiken Stadtbefestigung Roms geblieben ist. Die Cestius-Pyramide stellt somit ein eindrucksvolles Zeugnis der kulturellen Kontakte zwischen Rom und Ägypten sowie der Repräsentationsbedürfnisse römischer Eliten in der frühen Kaiserzeit dar.

Bauliche Merkmale

Die Cestius-Pyramide vereint monumentale antike Ingenieurskunst mit den ästhetischen Vorlieben der römischen Oberschicht des 1. Jahrhunderts v. Chr.. Ihr architektonischer Aufbau zeugt von einer bewussten Kombination aus stabiler römischer Massivbauweise und einer nach außen hin prachtvollen, exotischen Fassade.



Das Monument ruht auf einem massiven Fundament aus Travertinplatten. Der tragende Kern des Bauwerks besteht aus Opus caementitium, das mit Ziegeln verblendet wurde. Um den monumentalen, ägyptisierenden Eindruck zu perfektionieren, ist dieser Betonkern vollständig mit Platten aus weißem Carrara-Marmor verkleidet. Die Dimensionen des Grabmals basieren dabei auf dem antiken römischen Maßsystem, wonach das Bauwerk über eine quadratische Grundfläche mit einer Seitenlänge von 100 römischen Fuß (ca. 29,6 Meter) verfügt und 125 römische Fuß (ca. 37 Meter) in die Höhe ragt. Durch dieses steile Verhältnis von Basis zu Höhe besitzt die Pyramide eine bemerkenswert spitze Form, die sich optisch deutlich von den flacheren, klassischen Pyramiden in Gizeh unterscheidet und stattdessen an nubische Vorbilder erinnert.

Der heute sichtbare Außeneingang am Fuß der Pyramide wurde im Jahr 1663 im Zuge päpstlicher Ausgrabungen künstlich in die Fassade gebrochen, um die antike Grabkammer wissenschaftlich zu untersuchen. Archäologen konnten damals zwei der ursprünglich vier Ecksäulen wieder zusammensetzen und an dieser Westseite, die den künstlichen Eingang flankiert, wieder aufrichten. Die anderen beiden Säulen des antiken Vorhofs sind verloren; Fragmente ihrer verzierten Sockel werden heute in den Kapitolinischen Museen aufbewahrt. © Bild: Wikimedia Commons

Im Zentrum des massiven Gussmauerwerks liegt die eigentliche Grabkammer. Bei ihr handelt es sich um einen einfachen, rechteckigen Raum, der von einem römischen Tonnengewölbe überspannt wird. Die Kammer ist im Vergleich zur monumentalen Außenhülle überraschend kompakt gehalten; sie weist eine Länge von 5,95 Metern, eine Breite von 4,10 Metern sowie eine Höhe von 4,80 Metern auf (© Bild: Wikimedia Commons).


Als das Grabmal im Jahr 1660 wieder geöffnet wurde, stieß man auf eine reiche Innendekoration. Die Wände waren mit kunstvollen Fresken im sogenannten Dritten Pompejanischen Stil geschmückt. Diese Malereien wurden damals von dem Kupferstecher und Archäologen Pietro Santo Bartoli detailliert dokumentiert. Aufgrund von Feuchtigkeit und Umwelteinflüssen sind von diesen historischen Kunstwerken heute jedoch nur noch sehr spärliche Reste an den Wänden auszumachen. Das Grabmal war als ewige Ruhestätte konzipiert und wurde unmittelbar nach der Bestattung des Caius Cestius ohne Außeneingang dauerhaft versiegelt. Dennoch schützte dies den Toten nicht dauerhaft: Vermutlich noch in der Antike verschafften sich Grabräuber Zugang und plünderten die Kammer. Von den ursprünglichen Grabbeigaben, der Asche des Verstorbenen oder einer Graburne fehlt seither jede Spur.

Die Nachgeschichte der Pyramide und der Protestantische Friedhof

Dank ihrer Einbindung in die Aurelianische Stadtmauer blieb die Cestius-Pyramide über die Jahrhunderte erhalten. Ihre ursprüngliche Funktion und die Identität ihres Bauherrn gerieten jedoch im Mittelalter weitgehend in Vergessenheit. Die Römer bezeichneten das Bauwerk als „Meta Remi“ und hielten es für das Grab des sagenhaften Remus, des Bruders von Romulus. Eine zweite, inzwischen verschwundene Pyramide nahe dem Vatikan galt entsprechend als Grab des Romulus. Diese Vorstellung hielt sich über Jahrhunderte und wurde auch von Gelehrten wie Francesco Petrarca übernommen.


Im 17. Jahrhundert wurde die wahre Herkunft des Bauwerks wiederentdeckt. Auf Veranlassung von Papst Alexander VII. begannen ab 1656 umfangreiche Freilegungs- und Restaurierungsarbeiten. Da sich das Bodenniveau im Laufe der Jahrhunderte deutlich erhöht hatte, musste die Pyramide teilweise ausgegraben werden. Dabei wurden die antiken Inschriften freigelegt und die Sockel zweier Bronzestatuen entdeckt, die einst neben dem Grabmal standen. Zudem wurde ein Zugang zur Grabkammer geschaffen, wodurch deren Wandmalereien erstmals dokumentiert werden konnten.



Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich die Pyramide zu einer der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Roms. Für zahlreiche europäische Bildungsreisende der Grand Tour gehörte sie zu den wichtigsten Stationen ihres Aufenthalts in der Stadt. Ihre ungewöhnliche Form fand große Beachtung bei Künstlern, Architekten und Altertumsforschern und beeinflusste die Gestaltung späterer pyramidenförmiger Grab- und Gartenmonumente in Europa und Nordamerika.

Kopie nach Giovanni Paolo Pannini (Original: National Gallery London) : Römische Ruinenlandschaft mit der Cestius-Pyramide. Englisch, 18./19. Jahrhundert. © Bild: Wikimedia Commons

Von besonderer Bedeutung für die spätere Geschichte des Bauwerks wurde das Gelände unmittelbar südlich der Pyramide. Dort entstand im frühen 18. Jahrhundert ein Begräbnisplatz für Nichtkatholiken, da Ausländer anderer Konfessionen im Kirchenstaat nicht auf katholischen Friedhöfen bestattet werden durften. Im 19. Jahrhundert wurde der Friedhof erweitert und als Cimitero Acattolico, der Nichtkatholische Friedhof, etabliert. Heute zählt er zu den bedeutendsten historischen Friedhöfen Europas. Zu den bekanntesten dort bestatteten Persönlichkeiten gehören die englischen Dichter Percy Bysshe Shelley und John Keats. Die unmittelbare Nachbarschaft von antikem Grabmal und Friedhof machte die Pyramide zu einem beliebten Motiv der Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts.

August von Goethe (1789–1830) war das einzige überlebende Kind des berühmten Dichters. Er stand zeitlebens im Schatten seines Vaters und reiste 1830 zur Erholung nach Italien, wo er in Rom an den Pocken verstarb. Da er Protestant war, war eine Bestattung auf den regulären Friedhöfen Roms nach den damaligen katholischen Bestimmungen nicht möglich. Er wurde auf dem Protestantischen Friedhof an der Cestius-Pyramide beigesetzt. Der tief getroffene Vater veranlasste die Grabgestaltung und verfasste die Inschrift, die bewusst den Vornamen des Sohnes unerwähnt lässt: „GOETHE FILIUS PATRI ANTEVERTENS OBIIT ANNOR. XL MDCCCXXX“ („Goethe, der Sohn, dem Vater vorangehend, starb im Alter von 40 Jahren, 1830“). © Bild: Wikimedia Commons

Im Zuge der Modernisierung Roms wurde die Verbindung zwischen der Pyramide und der Porta San Paolo im 19. Jahrhundert für den Ausbau des Straßennetzes unterbrochen. Dennoch blieb das Bauwerk weitgehend unversehrt. Nach Restaurierungsmaßnahmen am Eingang und im Inneren zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfolgte zwischen 2012 und 2015 eine umfassende Sanierung der gesamten Pyramide. Besonderes Augenmerk galt dabei der Reinigung und Sicherung der Marmorverkleidung sowie dem Schutz der empfindlichen Fresken in der Grabkammer. Die Arbeiten wurden maßgeblich durch eine Spende des japanischen Unternehmers Yūzō Yagi ermöglicht. Dank dieser Maßnahmen zählt die Cestius-Pyramide heute zu den am besten erhaltenen Grabmonumenten der römischen Antike.

Pyramide des Cestius


BILDNACHWEIS:

  • Rabax63: CestiusPyramide. © Bild: Wikimedia Commons
  • Alessio Damato: Pyramid Caius Cestius room inside. © Bild: Wikimedia Commons
  • Kopie nach Giovanni Paolo Pannini (Original: National Gallery London) : Römische Ruinenlandschaft mit der Cestius-Pyramide. Englisch, 18./19. Jahrhundert. © Bild: Wikimedia Commons
  • Alessio Damato: August von Goethe, cimitero acattolico. © Bild: Wikimedia Commons

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BUCHEMPFEHLUNGEN

 

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