Römische Selbstdarstellung im Spiegel der Ägyptenbegeisterung
Die Cestius-Pyramide ist ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie sich die römische Architektur im 1. Jahrhundert v. Chr. von ägyptischen Vorbildern inspirieren ließ. Ihr Bau fällt in eine Zeit großer kultureller Faszination für Ägypten, die nach dem Sieg des Octavian bei der Schlacht von Actium im Jahr 31 v. Chr. und der anschließenden Eingliederung Ägyptens in das Römische Reich besonders ausgeprägt war. Auch der Tod der letzten ägyptischen Königin Kleopatra VII. trug dazu bei, dass sich in Rom eine regelrechte Begeisterung für ägyptische Kunst- und Architekturformen entwickelte, die sich unter anderem in Grabmonumenten, Obelisken und anderen Bauwerken niederschlug.
In diesem kulturellen Kontext entstand das Grabmal des Caius Cestius Epulo, eines römischen Prätors, Volkstribuns und Mitglieds des Priesterkollegiums der Septemviri Epulonum. Die Pyramide wurde zwischen etwa 18 und 12 v. Chr. an der Via Ostiensis, nahe der heutigen Porta San Paolo, an einer wichtigen Weggabelung errichtet. Dort kreuzten sich die antike Via Ostiensis und eine Straße, die in Richtung Tiber führte, wodurch das Grabmal eine besonders prominente und gut sichtbare Lage erhielt.
Eine Inschrift an der Fassade nennt Caius Cestius als Sohn des Lucius aus der Tribus Publilia und verweist auf seine politischen und religiösen Ämter als Prätor, Volkstribun und Mitglied der Septemviri Epulonum. Eine weitere Inschrift hält fest, dass das Grabmal innerhalb von 330 Tagen vollendet wurde. Da die Inschrift ausdrücklich auf das Testament des Verstorbenen Bezug nimmt, wird in der Forschung häufig angenommen, dass die rasche Fertigstellung auf testamentarische Vorgaben des Cestius zurückging. Dies verdeutlicht die enge Verknüpfung von Bestattungswesen, Erbrecht und repräsentativer Selbstdarstellung im Rom der augusteischen Zeit.
Bemerkenswert ist auch der architektonische Hintergrund der Pyramide. Ihre steile Form erinnert an die Pyramiden Nubiens, insbesondere an jene des Reiches von Meroe. Ob diese Ähnlichkeit auf unmittelbare Vorbilder zurückgeht oder allgemeiner Ausdruck der zeitgenössischen Begeisterung für ägyptische und orientalische Formen ist, lässt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Im Inneren verbindet das Grab jedoch eindeutig römische Elemente – darunter ein Tonnengewölbe und Freskenmalereien – mit der nach außen hin deutlich ägyptisierenden Gestaltung.
Im 3. Jahrhundert n. Chr. wurde das Grabmal schließlich unter Kaiser Aurelian in die neu errichtete Aurelianische Mauer integriert, wodurch es bis heute Teil der antiken Stadtbefestigung Roms geblieben ist. Die Cestius-Pyramide stellt somit ein eindrucksvolles Zeugnis der kulturellen Kontakte zwischen Rom und Ägypten sowie der Repräsentationsbedürfnisse römischer Eliten in der frühen Kaiserzeit dar.
Die Cestius-Pyramide vereint monumentale antike Ingenieurskunst mit den ästhetischen Vorlieben der römischen Oberschicht des 1. Jahrhunderts v. Chr.. Ihr architektonischer Aufbau zeugt von einer bewussten Kombination aus stabiler römischer Massivbauweise und einer nach außen hin prachtvollen, exotischen Fassade.
Das Monument ruht auf einem massiven Fundament aus Travertinplatten. Der tragende Kern des Bauwerks besteht aus Opus caementitium, das mit Ziegeln verblendet wurde. Um den monumentalen, ägyptisierenden Eindruck zu perfektionieren, ist dieser Betonkern vollständig mit Platten aus weißem Carrara-Marmor verkleidet. Die Dimensionen des Grabmals basieren dabei auf dem antiken römischen Maßsystem, wonach das Bauwerk über eine quadratische Grundfläche mit einer Seitenlänge von 100 römischen Fuß (ca. 29,6 Meter) verfügt und 125 römische Fuß (ca. 37 Meter) in die Höhe ragt. Durch dieses steile Verhältnis von Basis zu Höhe besitzt die Pyramide eine bemerkenswert spitze Form, die sich optisch deutlich von den flacheren, klassischen Pyramiden in Gizeh unterscheidet und stattdessen an nubische Vorbilder erinnert.
Der heute sichtbare Außeneingang am Fuß der Pyramide wurde im Jahr 1663 im Zuge päpstlicher Ausgrabungen künstlich in die Fassade gebrochen, um die antike Grabkammer wissenschaftlich zu untersuchen. Archäologen konnten damals zwei der ursprünglich vier Ecksäulen wieder zusammensetzen und an dieser Westseite, die den künstlichen Eingang flankiert, wieder aufrichten. Die anderen beiden Säulen des antiken Vorhofs sind verloren; Fragmente ihrer verzierten Sockel werden heute in den Kapitolinischen Museen aufbewahrt. © Bild:
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Die Nachgeschichte der Pyramide und der Protestantische Friedhof
Dank ihrer Einbindung in die Aurelianische Stadtmauer blieb die Cestius-Pyramide über die Jahrhunderte erhalten. Ihre ursprüngliche Funktion und die Identität ihres Bauherrn gerieten jedoch im Mittelalter weitgehend in Vergessenheit. Die Römer bezeichneten das Bauwerk als „Meta Remi“ und hielten es für das Grab des sagenhaften Remus, des Bruders von Romulus. Eine zweite, inzwischen verschwundene Pyramide nahe dem Vatikan galt entsprechend als Grab des Romulus. Diese Vorstellung hielt sich über Jahrhunderte und wurde auch von Gelehrten wie Francesco Petrarca übernommen.
Im 17. Jahrhundert wurde die wahre Herkunft des Bauwerks wiederentdeckt. Auf Veranlassung von Papst Alexander VII. begannen ab 1656 umfangreiche Freilegungs- und Restaurierungsarbeiten. Da sich das Bodenniveau im Laufe der Jahrhunderte deutlich erhöht hatte, musste die Pyramide teilweise ausgegraben werden. Dabei wurden die antiken Inschriften freigelegt und die Sockel zweier Bronzestatuen entdeckt, die einst neben dem Grabmal standen. Zudem wurde ein Zugang zur Grabkammer geschaffen, wodurch deren Wandmalereien erstmals dokumentiert werden konnten.
Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich die Pyramide zu einer der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Roms. Für zahlreiche europäische Bildungsreisende der Grand Tour gehörte sie zu den wichtigsten Stationen ihres Aufenthalts in der Stadt. Ihre ungewöhnliche Form fand große Beachtung bei Künstlern, Architekten und Altertumsforschern und beeinflusste die Gestaltung späterer pyramidenförmiger Grab- und Gartenmonumente in Europa und Nordamerika.
Kopie nach Giovanni Paolo Pannini (Original: National Gallery London) : Römische Ruinenlandschaft mit der Cestius-Pyramide. Englisch, 18./19. Jahrhundert. © Bild:
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Von besonderer Bedeutung für die spätere Geschichte des Bauwerks wurde das Gelände unmittelbar südlich der Pyramide. Dort entstand im frühen 18. Jahrhundert ein Begräbnisplatz für Nichtkatholiken, da Ausländer anderer Konfessionen im Kirchenstaat nicht auf katholischen Friedhöfen bestattet werden durften. Im 19. Jahrhundert wurde der Friedhof erweitert und als Cimitero Acattolico, der Nichtkatholische Friedhof, etabliert. Heute zählt er zu den bedeutendsten historischen Friedhöfen Europas. Zu den bekanntesten dort bestatteten Persönlichkeiten gehören die englischen Dichter Percy Bysshe Shelley und John Keats. Die unmittelbare Nachbarschaft von antikem Grabmal und Friedhof machte die Pyramide zu einem beliebten Motiv der Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts.
Im Zuge der Modernisierung Roms wurde die Verbindung zwischen der Pyramide und der Porta San Paolo im 19. Jahrhundert für den Ausbau des Straßennetzes unterbrochen. Dennoch blieb das Bauwerk weitgehend unversehrt. Nach Restaurierungsmaßnahmen am Eingang und im Inneren zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfolgte zwischen 2012 und 2015 eine umfassende Sanierung der gesamten Pyramide. Besonderes Augenmerk galt dabei der Reinigung und Sicherung der Marmorverkleidung sowie dem Schutz der empfindlichen Fresken in der Grabkammer. Die Arbeiten wurden maßgeblich durch eine Spende des japanischen Unternehmers Yūzō Yagi ermöglicht. Dank dieser Maßnahmen zählt die Cestius-Pyramide heute zu den am besten erhaltenen Grabmonumenten der römischen Antike.
BILDNACHWEIS:
- Rabax63: CestiusPyramide. © Bild:
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- Alessio Damato: Pyramid Caius Cestius room inside.
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- Kopie nach Giovanni Paolo Pannini (Original: National Gallery London) : Römische Ruinenlandschaft mit der Cestius-Pyramide. Englisch, 18./19. Jahrhundert. © Bild:
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- Alessio Damato: August von Goethe, cimitero acattolico. © Bild:
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