Der Obelisk von Montecitorio

Nach seinem Triumph über Ägypten ließ Kaiser Augustus diesen beeindruckenden ägyptischen Obelisken nach Rom überführen und im Jahr 10 v. Chr. auf dem Marsfeld aufstellen. Als Herzstück des Solarium Augusti fungierte das Monument als gigantischer Gnomon: Sein Schatten fiel auf eine im Boden eingelassene Meridianlinie und machte so den Jahreslauf der Sonne sichtbar. Doch das Bauwerk war weit mehr als ein astronomisches Instrument – es war ein weithin sichtbares Machtsymbol. Der aus Ägypten stammende Obelisk verkörperte den Sieg Roms und den Anspruch des Augustus, die Welt unter eine neue Ordnung zu stellen.

Obelisk von Montecitorio

Nachdem die antike Anlage im Mittelalter verfiel und der Obelisk lange zerbrochen und teilweise vergraben lag, veranlasste Pius VI. im späten 18. Jahrhundert Ausgrabung und Restaurierung; 1792 wurde das Monument an seinem heutigen Standort auf der Piazza di Montecitorio neu errichtet. Heute prägt der Obelisk von Montecitorio den Platz vor dem Palazzo Montecitorio, Sitz der Camera dei deputati (italienische Abgeordnetenkammer).


Für die Reisenden der Grand Tour war der Obelisk von Montecitorio ein Monument, das seine volle Wirkung erst spät entfaltete. Wer Rom vor 1792 besuchte – etwa Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1786 –, sah lediglich die am Boden liegenden Fragmente des antiken Steins. Erst spätere Generationen erlebten ihn an seinem heutigen Platz auf der Piazza di Montecitorio, wo er nach der aufwendigen Restaurierung unter Pius VI. als ingenieurtechnische Glanzleistung gefeiert wurde. Obwohl Gelehrte aus den Schriften des Plinius des Älteren von seiner ursprünglichen Funktion als Gnomon des augusteischen Solariums wussten, blieb diese im Stadtbild nicht mehr sichtbar. In den Reiseberichten der Zeit dominierte daher die Faszination für die rätselhaften Hieroglyphen, die gewaltige Höhe und die spektakuläre Geschichte seiner mühsamen Wiederaufstellung.


Um 10 v. Chr. ließ Augustus einen ägyptischen Obelisken aus Heliopolis nach Rom bringen und im nördlichen Teil des Campus Martius aufstellen. Der etwa 22 m hohe Monolith (mit Sockel und Aufsatz deutlich höher) fungierte als Gnomon für eine weitläufige Anlage. Während dieser Komplex früher häufig als monumentale Sonnenuhr interpretiert wurde, geht die neuere Forschung zunehmend davon aus, dass es sich eher um eine groß dimensionierte Meridiananlage handelte. Der Schatten des Obelisken fiel zur Mittagszeit auf eine im Boden eingelassene Meridianlinie, die mit Markierungen versehen war und es erlaubte, den jährlichen Lauf der Sonne abzulesen, etwa im Hinblick auf Jahreszeiten oder Tierkreisabschnitte. Archäologische Funde von Travertinplatten mit Einlagen und Beschriftungen gelten als wichtige Hinweise auf diese Funktionsweise.


Die Anlage stand in räumlicher Nähe zur Ara Pacis sowie zum Mausoleum des Augustus und bildete mit diesen Monumenten vermutlich ein bewusst gestaltetes Ensemble im nördlichen Campus Martius. In der Forschung wird häufig angenommen, dass dieses Arrangement Teil der augusteischen Selbstdarstellung war, in der kosmische Ordnung, politische Stabilität und die neue Friedenszeit des Prinzipats symbolisch miteinander verknüpft wurden. Der aus Ägypten nach Rom verbrachte Obelisk konnte dabei zugleich als sichtbares Zeichen der römischen Herrschaft über das ehemals ptolemäische Reich interpretiert werden.

Vom Verfall zur Wiederentdeckung

In der Spätantike verlor das Solarium Augusti im nördlichen Campus Martius allmählich seine ursprüngliche Funktion. Mit dem politischen und infrastrukturellen Wandel der Stadt verfielen viele monumentale Anlagen der augusteischen Zeit. Überschwemmungen des Tibers führten wiederholt zu Sedimentablagerungen, wodurch das Bodenniveau im Campus Martius im Laufe der Jahrhunderte deutlich anstieg. Gebäude wurden beschädigt, überbaut oder als Steinbruch genutzt. Auch der Obelisk des Solariums blieb von diesen Entwicklungen nicht verschont. Irgendwann zwischen Spätantike und frühem Mittelalter stürzte der Obelisk um, möglicherweise infolge von Bodensenkungen, Überschwemmungen oder Erdbeben. In der Folge zerbrach der Monolith in mehrere Teile und wurde im Laufe der Zeit von Schutt, Erdablagerungen und späterer Bebauung überdeckt.


Während des Mittelalters geriet die ursprüngliche Anlage vollständig in Vergessenheit. Das Gebiet des ehemaligen Campus Martius war inzwischen dicht bebaut, und über den Resten der augusteischen Monumente lagen mehrere Meter neuer Bodenschichten.



Erste Teile des Obelisken traten im frühen 16. Jahrhundert wieder ans Licht, als bei Bauarbeiten nahe dem heutigen Palazzo di Montecitorio große Granitfragmente gefunden wurden. Es handelte sich um Reste des Obelisken aus Heliopolis, den Augustus im späten 1. Jahrhundert v. Chr. nach Rom hatte bringen lassen. Die Entdeckung bestätigte die antiken Berichte über das Solarium Augusti, doch aufgrund der enormen Tiefe und des Gewichts blieben die Fragmente zunächst im Boden.

Darstellung der Bergung des Obelisken von Montecitorio: Radierung von Giuseppe Vasi (1752), welche die Freilegung der zerbrochenen Obeliskenfragmente nahe der Via di Campo Marzio dokumentiert. Deutlich zu erkennen ist das Hebewerkzeug, mit dem die tonnenschweren Reste des augusteischen Monuments ans Licht gehoben wurden. Bild: Wikimedia Commons

Der Obelisk blieb nach seiner Entdeckung aber noch lange Zeit in Fragmenten im Boden liegen. Erst im 18. Jahrhundert begann man, sich intensiver um seine Bergung und Restaurierung zu kümmern. Bereits 1748 wurden unter Papst Benedikt XIV bei Bauarbeiten in der Umgebung des heutigen Palazzo Montecitorio größere Teile des zerbrochenen Monolithen freigelegt. Die tonnenschweren Granitfragmente wurden in einer aufwendigen Grabung geborgen und zunächst gesichert.


Die eigentliche Restaurierung und Wiederaufstellung erfolgte jedoch erst einige Jahrzehnte später unter Papst Pius VI. Zwischen 1787 und 1792 ließ er den Obelisken sorgfältig restaurieren und an einem neuen Standort aufrichten. Da der ursprüngliche Platz des Monuments im antiken Campus Martius inzwischen dicht bebaut war, entschied man sich für die nahe gelegene Piazza di Montecitorio als neuen Aufstellungsort. Der Platz befand sich nur wenige hundert Meter vom ursprünglichen Standort entfernt und bot zugleich ausreichend Raum für das monumentale Bauwerk.


Die Restaurierungsarbeiten waren komplex, da der Obelisk beim Sturz in mehrere Teile zerbrochen war und erhebliche Schäden aufwies. Um die fehlenden Partien zu ergänzen und die Stabilität des Monuments zu gewährleisten, verwendete man Granitstücke eines anderen antiken Bauwerks, der Säule des Antoninus Pius. Auf diese Weise konnte der Obelisk wieder zu einem aufrechten Monument zusammengesetzt werden.


Im Jahr 1792 wurde der restaurierte Obelisk schließlich auf der Piazza di Montecitorio feierlich wieder aufgerichtet. Seine Aufstellung an diesem Ort war nicht nur aus praktischen Gründen sinnvoll, sondern besaß auch eine symbolische Bedeutung. In unmittelbarer Nähe entwickelte sich mit dem Palazzo Montecitorio eines der politischen Zentren der Stadt. Der Obelisk – einst Teil eines augusteischen Zeitmesssystems – wurde so zu einem repräsentativen Zeugnis der römischen Antike im städtischen Raum der Neuzeit.

Piazza di Monte Citorio in Roma 1845. © Bild: Wikimedia Commons

Für die Reisenden der Grand Tour, die in Rom Aufenthalt nahmen, war der Obelisk von Montecitorio ein Paradebeispiel für die Verbindung von antiker Wissenschaft und päpstlicher Repräsentation. Aus antiken Quellen wussten sie von seiner ursprünglichen Funktion als gigantischer Gnomon der Sonnenuhr des Augustus. Da die Hieroglyphen noch nicht entziffert waren, blieb ihre Bedeutung zwar rätselhaft; doch die ägyptische Herkunft und das enorme Alter verliehen dem Monument eine Aura der Ewigkeit.


„Die Form der Obelisken allein hat etwas, das die Einbildungskraft reizt; ihre Spitze verliert sich in der Luft und scheint eine große Idee des Menschen bis zum Himmel zu tragen.“

Germaine de Staël: Corinne oder Italien, 1807


In der Wahrnehmung der Besucher mischte sich klassizistische Begeisterung mit einer Spur Melancholie. Man bestaunte die technische Leistung der Wiederaufrichtung ebenso wie das „steinerne Patchwork“ der Restaurierung, bei der Bruchstücke der Antoninus-Pius-Säule die Narben der Zeit füllten. Auf der Piazza di Montecitorio erlebten sie eine eindrucksvolle Inszenierung: Der Obelisk erschien hier als lebendiges Zeugnis des antiken Glanzes und zugleich als Symbol seiner Wiederbelebung im Herzen des modernen Rom.

BILDNACHWEIS:

  • Giuseppe Vasi, Sulle magnificenze di Roma Antica e Moderna, 1752 © Bild: Wikimedia Commons
  • Corsi Francesco: Piazza di Monte Citorio in Roma 1845. © Bild: Wikimedia Commons

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BUCHEMPFEHLUNGEN

 

  • Bernard Frischer: Edmund Buchner’s Solarium Augusti: New Observations and Simpirical Studies. In: Rendiconti della Pontificia Accademia Romana di Archeologia (Serie III, Band LXXXIX) (2017)
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