Vom Verfall zur Wiederentdeckung
In der Spätantike verlor das Solarium Augusti im nördlichen Campus Martius allmählich seine ursprüngliche Funktion. Mit dem politischen und infrastrukturellen Wandel der Stadt verfielen viele monumentale Anlagen der augusteischen Zeit. Überschwemmungen des Tibers führten wiederholt zu Sedimentablagerungen, wodurch das Bodenniveau im Campus Martius im Laufe der Jahrhunderte deutlich anstieg. Gebäude wurden beschädigt, überbaut oder als Steinbruch genutzt. Auch der Obelisk des Solariums blieb von diesen Entwicklungen nicht verschont. Irgendwann zwischen Spätantike und frühem Mittelalter stürzte der Obelisk um, möglicherweise infolge von Bodensenkungen, Überschwemmungen oder Erdbeben. In der Folge zerbrach der Monolith in mehrere Teile und wurde im Laufe der Zeit von Schutt, Erdablagerungen und späterer Bebauung überdeckt.
Während des Mittelalters geriet die ursprüngliche Anlage vollständig in Vergessenheit. Das Gebiet des ehemaligen Campus Martius war inzwischen dicht bebaut, und über den Resten der augusteischen Monumente lagen mehrere Meter neuer Bodenschichten.
Erste Teile des Obelisken traten im frühen 16. Jahrhundert wieder ans Licht, als bei Bauarbeiten nahe dem heutigen Palazzo di Montecitorio große Granitfragmente gefunden wurden. Es handelte sich um Reste des Obelisken aus Heliopolis, den Augustus im späten 1. Jahrhundert v. Chr. nach Rom hatte bringen lassen. Die Entdeckung bestätigte die antiken Berichte über das Solarium Augusti, doch aufgrund der enormen Tiefe und des Gewichts blieben die Fragmente zunächst im Boden.
Darstellung der Bergung des Obelisken von Montecitorio: Radierung von Giuseppe Vasi (1752), welche die Freilegung der zerbrochenen Obeliskenfragmente nahe der Via di Campo Marzio dokumentiert. Deutlich zu erkennen ist das Hebewerkzeug, mit dem die tonnenschweren Reste des augusteischen Monuments ans Licht gehoben wurden. Bild:
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Der Obelisk blieb nach seiner Entdeckung aber noch lange Zeit in Fragmenten im Boden liegen. Erst im 18. Jahrhundert begann man, sich intensiver um seine Bergung und Restaurierung zu kümmern. Bereits 1748 wurden unter Papst Benedikt XIV bei Bauarbeiten in der Umgebung des heutigen Palazzo Montecitorio größere Teile des zerbrochenen Monolithen freigelegt. Die tonnenschweren Granitfragmente wurden in einer aufwendigen Grabung geborgen und zunächst gesichert.
Die eigentliche Restaurierung und Wiederaufstellung erfolgte jedoch erst einige Jahrzehnte später unter Papst Pius VI. Zwischen 1787 und 1792 ließ er den Obelisken sorgfältig restaurieren und an einem neuen Standort aufrichten. Da der ursprüngliche Platz des Monuments im antiken Campus Martius inzwischen dicht bebaut war, entschied man sich für die nahe gelegene Piazza di Montecitorio als neuen Aufstellungsort. Der Platz befand sich nur wenige hundert Meter vom ursprünglichen Standort entfernt und bot zugleich ausreichend Raum für das monumentale Bauwerk.
Die Restaurierungsarbeiten waren komplex, da der Obelisk beim Sturz in mehrere Teile zerbrochen war und erhebliche Schäden aufwies. Um die fehlenden Partien zu ergänzen und die Stabilität des Monuments zu gewährleisten, verwendete man Granitstücke eines anderen antiken Bauwerks, der Säule des Antoninus Pius. Auf diese Weise konnte der Obelisk wieder zu einem aufrechten Monument zusammengesetzt werden.
Im Jahr 1792 wurde der restaurierte Obelisk schließlich auf der Piazza di Montecitorio feierlich wieder aufgerichtet. Seine Aufstellung an diesem Ort war nicht nur aus praktischen Gründen sinnvoll, sondern besaß auch eine symbolische Bedeutung. In unmittelbarer Nähe entwickelte sich mit dem Palazzo Montecitorio eines der politischen Zentren der Stadt. Der Obelisk – einst Teil eines augusteischen Zeitmesssystems – wurde so zu einem repräsentativen Zeugnis der römischen Antike im städtischen Raum der Neuzeit.
Für die Reisenden der Grand Tour, die in Rom Aufenthalt nahmen, war der Obelisk von Montecitorio ein Paradebeispiel für die Verbindung von antiker Wissenschaft und päpstlicher Repräsentation. Aus antiken Quellen wussten sie von seiner ursprünglichen Funktion als gigantischer Gnomon der Sonnenuhr des Augustus. Da die Hieroglyphen noch nicht entziffert waren, blieb ihre Bedeutung zwar rätselhaft; doch die ägyptische Herkunft und das enorme Alter verliehen dem Monument eine Aura der Ewigkeit.
„Die Form der Obelisken allein hat etwas, das die Einbildungskraft reizt; ihre Spitze verliert sich in der Luft und scheint eine große Idee des Menschen bis zum Himmel zu tragen.“
Germaine de Staël: Corinne oder Italien, 1807
In der Wahrnehmung der Besucher mischte sich klassizistische Begeisterung mit einer Spur Melancholie. Man bestaunte die technische Leistung der Wiederaufrichtung ebenso wie das „steinerne Patchwork“ der Restaurierung, bei der Bruchstücke der Antoninus-Pius-Säule die Narben der Zeit füllten. Auf der Piazza di Montecitorio erlebten sie eine eindrucksvolle Inszenierung: Der Obelisk erschien hier als lebendiges Zeugnis des antiken Glanzes und zugleich als Symbol seiner Wiederbelebung im Herzen des modernen Rom.
BILDNACHWEIS:
- Giuseppe Vasi, Sulle magnificenze di Roma Antica e Moderna, 1752 © Bild:
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- Corsi Francesco: Piazza di Monte Citorio in Roma 1845. © Bild:
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