Der Portikus der Oktavia

Wer durch die engen Gassen des jüdischen Viertels von Rom schlendert, stößt unvermittelt auf die Überreste eines monumentalen antiken Propylons. Es handelt sich um den einstigen Zugang zum Portikus der Oktavia, einem der bedeutendsten Kulturzentren des antiken Rom. Der heute sichtbare Torbau führte in eine gewaltige Anlage mit einem rund 119 mal 132 Meter großen rechteckigen Innenhof, der von vier überdachten Säulengängen (Quadriportikus) umgeben war. In diesem Hof befanden sich zwei Heiligtümer: der Tempel der Iuno Regina und der Tempel des Iuppiter Stator. Der Säulengang diente als öffentlicher Ausstellungsraum für berühmte Kunstwerke. Seine bekannteste Attraktion war die Turma Alexandri, eine nach antiker Überlieferung von Lysipp geschaffene monumentale Bronzegruppe, die Alexander den Großen zusammen mit seinen Reitergefährten (den Hetairen) zeigte.


Zur Zeit der Grand Tour präsentierte sich der Portikus der Oktavia nicht als solitäres Monument, sondern als Ruinenensemble im dichten Stadtgewebe Roms. Das markante Propylon des antiken Sakralkomplexes war tief in die Alltagswelt integriert. Wo in der Antike eine Sammlung von Kunstwerken gezeigt worden war, befand sich später die Pescheria, der wichtigste Fischmarkt der Stadt. Händler feilschten hier zwischen korinthischen Säulen um ihre Ware – eine Szenerie, die Piranesi in seiner Radierung von 1760 als Kontrast von antiker Monumentalität und profanem Alltag festhielt. Gebildete Reisende konnten den Ort trotz des Marktlärms dennoch als den von Augustus für Octavia erneuerten Sakralkomplex erkennen.


Um die Bedeutung des Portikus der Oktavia besser verstehen zu können, lohnt sich zunächst ein Blick auf seinen Vorgängerbau. Denn die augustäische Anlage entstand nicht auf unbebautem Gelände, sondern ging aus einem der bedeutendsten Monumente der späten Republik hervor: dem Portikus des Metellus. Seine Geschichte verdeutlicht, wie eng sich politische Repräsentation, Kunstsammlung und Sakralarchitektur in Rom miteinander verbanden.

Der Portikus des Metellus

Der Portikus des Metellus (Porticus Metelli) gilt als Meilenstein der römischen Architekturgeschichte und als frühes Monument für die Rezeption griechischer Kultur in Rom. Nach seinem triumphalen Sieg über Makedonien gab der römische General Quintus Caecilius Metellus Macedonicus um 146 v. Chr. den Bau dieser monumentalen Anlage in Auftrag. Finanziert wurde das Prestigeprojekt vermutlich zu einem wesentlichen Teil aus der immensen Kriegsbeute.



Architektonisch handelte es sich um eine großzügige, viereckige Säulenhalle, die einen weitläufigen Innenhof umschloss. Im Zentrum dieser Anlage standen zwei bereits existierende Heiligtümer: der Tempel der Iuno Regina und der Tempel des Iuppiter Stator. Letzterer ging als Sensation in die Geschichte ein, da er nach antiker Überlieferung der erste ganz aus Marmor errichtete Tempel Roms war, entworfen von dem griechischen Architekten Hermodoros von Salamis. Der Portikus diente jedoch nicht nur religiösen Zwecken, sondern funktionierte als eine der bedeutendsten öffentlichen Kunstsammlungen Roms. Metellus nutzte den Raum, um die aus Griechenland nach Rom gebrachten Kunstwerke effektvoll zur Schau zu stellen. Das berühmteste Exponat war die sogenannte Turma Alexandri: eine Gruppe von 25 lebensgroßen Bronzestatuen des Meisterbildhauers Lysipp, die Alexander den Großen und seine Gefährten, die in der Schlacht am Granikos gefallen waren, darstellte. Mit dieser bewussten Verbindung von Sakralbau und griechischer Spitzenkunst schuf Metellus ein visionäres Konzept, das über ein Jahrhundert später von Kaiser Augustus aufgegriffen und im prachtvollen Nachfolgebau, dem Portikus der Oktavia, vollendet wurde.

Das Gismondi-Modell veranschaulicht die dichte städtebauliche Struktur des kaiserzeitlichen Rom. Im Mittelpunkt dieser Ansicht liegt der Portikus der Oktavia (Porticus Octaviae) (1).  Unmittelbar daneben erhob sich das Theater des Marcellus (2), einer der größten staatlichen Theaterbauten der Stadt. Direkt angrenzend befand sich der Porticus Philippi (3),  ein weiterer prächtiger Säulenhof, der mit dem Tempel des Hercules Musarum verbunden war. Im Hintergrund ist das noch gewaltigere Theater des Pompeius (4) zu erkennen, das als erstes dauerhaftes Steintheater Roms gilt. Das gesamte Areal öffnete sich zum Circus Flaminius (5), einem weitläufigen öffentlichen Raum, der für Märkte, Versammlungen und Festumzüge genutzt wurde. Im Vordergrund fließt der Tiber mit der Tiberinsel (6), die als bedeutendes Zentrum römischer Heil- und Kultpraktiken bekannt war. Überragt wird das Viertel vom Kapitolshügel, auf dessen Höhe der Tempel des Iuppiter Capitolinus (7) als wichtigstes Staatsheiligtum Roms thronte. © Bild: Wikimedia Commons

Der Portikus der Oktavia

Zwischen 33 und 23 v. Chr. erfuhr der republikanische Portikus des Metellus auf dem Marsfeld eine tiefgreifende Umgestaltung. Nach seinem Sieg in Dalmatien ließ Augustus die in die Jahre gekommene Anlage restaurieren und erweitern. Der erneuerte Komplex erhielt den Namen seiner Schwester Octavia Minor und wurde fortan als Porticus Octaviae bezeichnet. Die Maßnahmen waren Teil des umfassenden Bauprogramms, mit dem Augustus das Stadtbild Roms erneuern und seine Herrschaft repräsentativ inszenieren wollte.

Die wichtigste Veränderung bestand in der Erweiterung und Neuordnung der bestehenden Anlage. Die beiden Tempel der Iuno Regina und des Iuppiter Stator blieben erhalten und wurden weiterhin vom Portikus umschlossen. Der Komplex wurde jedoch nach Norden vergrößert und erhielt eine einheitlichere architektonische Gestaltung. Die Gesamtanlage erreichte nun eine Ausdehnung von etwa 119 Metern Breite und 132 Metern Länge. © Bild: Wikimedia Commons

Neu hinzu kamen mehrere öffentliche Einrichtungen. Hinter den Tempeln entstand ein großes Gebäude, das wahrscheinlich mit der Curia Octaviae identisch ist. Es diente als Versammlungsort des Senats und beherbergte zugleich eine bedeutende Bibliothek mit griechischen und lateinischen Beständen. Damit entwickelte sich die Anlage über ihre ursprüngliche Funktion als Tempelbezirk hinaus zu einem kulturellen und administrativen Zentrum.


Auch die bereits unter Metellus vorhandene Sammlung griechischer Kunstwerke blieb erhalten und wurde vermutlich erweitert. Der Portikus blieb einer der wichtigsten Orte Roms für die Präsentation von Skulpturen und Gemälden. Besucher konnten hier bedeutende Kunstwerke griechischer Meister betrachten, wodurch die Anlage zugleich als öffentlicher Ausstellungsraum diente.


Die Umgestaltung durch Augustus machte aus dem republikanischen Portikus des Metellus einen repräsentativen Monumentalkomplex, der religiöse Funktionen, politische Repräsentation, Bildung und Kunst miteinander verband. In dieser Form blieb der Portikus der Oktavia über Jahrhunderte ein prägender Bestandteil des Stadtbildes von Rom.

Die weitere Geschichte des Portikus der Oktavia

Wie viele Monumente Roms wurde auch diese Anlage mehrfach beschädigt, umgebaut und neuen Nutzungen angepasst. Bereits nach dem großen Brand des Jahres 80 n. Chr. ließ Kaiser Domitian den Komplex restaurieren. Nach weiteren Schäden erfolgte Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. unter Septimius Severus und seinem Sohn Caracalla eine erneute umfassende Wiederherstellung. Die heute sichtbare monumentale Eingangshalle geht im Wesentlichen auf diese severische Restaurierung zurück.


In der Spätantike verlor der Portikus allmählich seine ursprüngliche Funktion als religiöses und kulturelles Zentrum. Mit dem Niedergang der traditionellen römischen Kulte im 4. und 5. Jahrhundert wurden die Tempel aufgegeben, während die umliegenden Gebäude zunehmend anderweitig genutzt wurden. Wie viele antike Bauwerke diente die Anlage nun auch als Steinbruch, aus dem Baumaterial für neue Gebäude gewonnen wurde.


Im frühen Mittelalter entstand innerhalb der Ruinen die Kirche Sant'Angelo in Pescheria, die erstmals im 8. Jahrhundert erwähnt wird. Ihr Beiname in Pescheria („bei der Fischhalle“) erinnert daran, dass sich unter den Arkaden des ehemaligen Portikus über Jahrhunderte der römische Fischmarkt befand. Die antiken Säulen und Mauern wurden dabei in die mittelalterliche Bebauung integriert.


Seit dem späten Mittelalter gehörte das Gebiet zum dicht besiedelten Stadtzentrum Roms. Nach der Einrichtung des jüdischen Ghettos durch Papst Paul IV. im Jahr 1555 lag der Portikus unmittelbar an dessen Rand. Wohnhäuser, Werkstätten und Marktstände schmiegten sich an die antiken Ruinen an und überformten sie teilweise.

Giovanni Battista Piranesi, Veduta interna dell’Atrio del Portico di Ottavia (um 1750). Blick in die Ruinen des Portikus der Oktavia vor den archäologischen Freilegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. © Bild: Wikimedia Commons

Erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert rückte der historische Wert des Bauwerks wieder stärker in den Vordergrund. Archäologische Untersuchungen und städtebauliche Maßnahmen führten zur Freilegung großer Teile der antiken Anlage. Zahlreiche spätere Anbauten wurden entfernt, sodass die erhaltenen Reste des severischen Eingangsbereichs wieder sichtbar wurden.


Heute sind von dem einst weitläufigen Portikus der Oktavia nur noch Teile der severischen Restaurierung erhalten. Besucher können vor allem das monumentale Eingangspropylon und einige Abschnitte der angrenzenden Säulenhalle besichtigen. Der größte Teil der antiken Anlage ist im Laufe der Jahrhunderte verschwunden oder liegt unter der modernen Bebauung verborgen. Dennoch vermitteln die erhaltenen Reste noch einen Eindruck von der Größe und Bedeutung des Bauwerks im antiken Rom.

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Das antike Propylon im heutigen Zustand. Die auffällige Asymmetrie der Fassade erzählt von der bewegten Geschichte des Bauwerks: Während auf der linken Seite die antiken korinthischen Marmorsäulen der severischen Restaurierung (203 n. Chr.) erhalten sind, wurde die rechte Seite im späten Mittelalter durch eine massive Ziegelwand mit Stützbogen ersetzt. Diese pragmatische Reparatur stabilisierte den drohenden Einsturz des Giebels und sicherte den Zugang zur dahinter liegenden Kirche Sant’Angelo in Pescheria.


  • BILDNACHWEIS:
    Jean-Pierre Dalbéra: Maquette de Rome (musée de la civilisation romaine, Rome). © Bild: Wikimedia Commons
  • Cassius Ahenobarbus: Restitution portique octavie axonometrie. © Bild: Wikimedia Commons
  • Hartmann Grisar: Geschichte Roms und der Päpste im Mittelalter. © Bild: Wikimedia Commons
  • Giovanni Battista Piranesi (1720–1778): Veduta interna dell' Atrio del Portico di Ottavia. © Bild: Wikimedia Commons

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Die Kaiserforen

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Der Wandel des Palatins

BUCHEMPFEHLUNGEN

 

  • Filippo Coarelli: Rome and Environs. An Archaeological Guide. University of California Press (2014)
  • Amanda Claridge: Rome. An Oxford Archaeological Guide. Oxford University Press (2010)
  • Frank Sear: Roman Architecture. Routledge (1982)
  • Paul Zanker: Augustus und die Macht der Bilder. C.H. Beck (1987)
  • Lawrence Richardson Jr.: A New Topographical Dictionary of Ancient Rome. Johns Hopkins University Press (1992)
  • Samuel Ball Platner, Thomas Ashby: A Topographical Dictionary of Ancient Rome. Oxford University Press (1929)
  • Lothar Haselberger (Hrsg.): Mapping Augustan Rome. Journal of Roman Archaeology (2002
  • Filippo Coarelli: Rom. Ein archäologischer Führer. Philipp von Zabern (2000)
  • Helge Lyngby: Die Tempel der Fortuna und der Mater Matuta am Forum Boarium in Rom. Verlag Dr. Emil Ebering (1939)
  • Amanda Claridge: Rome. An Oxford Archaeological Guide. Oxford University Press (2010)
  • Maria Antonietta Tomei: The Forum Boarium in Rome. L’Erma di Bretschneider (1996)
  • Ferdinando Castagnoli: Topografia di Roma antica. Quasar (1984)
  • Platner, Samuel Ball / Ashby, Thomas: A Topographical Dictionary of Ancient Rome. Oxford University Press (1929)
  • Laura Aitken-Burt u.a.: Das alte Rom: Die visuelle Geschichte. ‎ Dorling Kindersley (2023)
  • Jessica Maier u. a.: Rom - Zentrum der Welt: Die Geschichte der Stadt in Karten, Plänen und Veduten. ‎ Theiss in Herder (2022)
  • Christoph Höcker: Reclams Städteführer Rom. Architektur und Kunst. Reclam (2020)
  • Christoff Neumeister: Das antike Rom: Ein literarischer Stadtführer. Beck (2010)
  • Henner von Hesberg: Römische Baukunst. Beck (2005) 
  • Jonathan Boardman: Rome: A Cultural History.  Interlink Books (2007)
  • Jon Coulston & Hazel Dodge: Ancient Rome: The Archaeology of the Eternal City. Oxford University School of Archaeology (2000)
  • Marco Bussagli: Rome: Art and Architecture. Konemann (2010)
  • Filippo Coarelli: Rom: Der archäologische Führer. WBG (2019)
  • Ingemar König: Caput Mundi: Rom - Weltstadt der Antike. WBG (2009)
  • Peter Connolly und Hazel Dodge: The Ancient City: Life in Classical Athens & Rome. Oxford University Press (1998)
  • Anton Henze: Kunstführer Rom. Reclam (1994)
  • Heinz-Joachim Fischer: Rom. Zweieinhalb Jahrtausende Geschichte, Kunst und Kultur der Ewigen Stadt. DuMont (2001)
  • Karl-Joachim Hölkeskamp und Elke Stein-Hölkeskamp (Hrsg.): Erinnerungsorte der Antike. Die römische Welt. Beck (2006)