Die Thermen des Trajan

Mit den Trajansthermen begann in Rom eine neue Ära: Die Anlage galt fortan als Prototyp der Kaiserthermen und setzte Maßstäbe in Größe, Aufbau und Nutzung. Ihr zentraler Badeblock vereinte erstmals monumentale Architektur mit weitläufigen Höfen sowie vielseitigen Angeboten für Sport, Bildung und Freizeit. Nach ihrer Einweihung im Jahr 109 n. Chr. wurden die Thermen zu weit mehr als einem Ort der Körperpflege – sie fungierten als urbane Erlebniswelt, die das Konzept der römischen Badekultur grundlegend veränderte. Wie prägend diese Entwicklung war, zeigt der Rückblick: Die Ära Trajans wurde für den Thermenbau ebenso zukunftsweisend wie die Epoche Hadrians für den Kuppelbau.


Für gebildete Reisende der Grand Tour gehörte der Oppius-Hügel in Rom zum festen Programm. Vielen war jedoch nicht bewusst, dass sie sich auf dem Gelände der Thermen des Trajan bewegten, die ältere Strukturen wie die Domus Aurea und den Bereich der Thermen des Titus überlagerten. Entsprechend wurde der Ort in Reiseberichten oft noch ungenau als „Thermen des Titus“ bezeichnet. Wagemutigere Besucher folgten einer bereits in der Renaissance etablierten Praxis: Sie stiegen durch Öffnungen in den Gewölben, oft nur an Seilen gesichert, in die unterirdischen Räume hinab. In diesen dunklen „Grotten“ – den verschütteten Sälen der Domus Aurea – betrachteten sie im flackernden Fackellicht die antiken Wandmalereien. Diese Eindrücke prägten das europäische Verständnis antiker Ornamentik und förderten die Begeisterung für den Groteskenstil.


Die im Jahr 109 n. Chr. eingeweihten Trajansthermen auf dem Oppius-Hügel markierten eine neue Phase des römischen Monumentalbaus und wurden zu einem wichtigen Vorbild für die späteren großen Kaiserthermen. Mit einer Fläche von über sechs Hektar übertraf die Anlage frühere Thermenbauten deutlich. Sie wurde vermutlich von Trajans Hauptarchitekten Apollodor von Damaskus entworfen, zwischen 104 und 109 n. Chr. errichtet und im Jahr 109 in enger zeitlicher Verbindung mit der Wasserleitung Aqua Traiana in Betrieb genommen.



Diese architektonische Leistung beruhte auf bedeutenden bautechnischen Entwicklungen. Die traditionelle Quadermauertechnik wurde zunehmend durch eine flexiblere Ziegelbauweise in Verbindung mit Opus caementitium (römischem Beton) ersetzt. Da Wandverkleidungen das Mauerwerk verdeckten, konnten konstruktive Lösungen freier umgesetzt werden. Dies ermöglichte auch größere Spannweiten: Während im Palast Kaiser Domitians Kreuzgratgewölbe noch vergleichsweise geringe Weiten erreichten, wurden sie in den Trajansthermen erheblich vergrößert. Auch im Kuppelbau zeigte sich dieser Fortschritt, etwa in den Rundräumen der Apodyterien sowie in den großen Exedren.

Bild: Infotafel mit Rekonstruktionszeichnung. Eigenes Foto während der Besichtigung.

Der Aufbau der Anlage folgte einem klar gegliederten Prinzip: Ein monumentaler Badeblock im Zentrum wurde von einem offenen Hof umgeben, der wiederum durch eine Randbebauung eingefasst war. In diesem äußeren Bereich befanden sich zusätzliche Einrichtungen wie Bibliotheken, Vortragssäle, Versammlungsräume sowie Brunnen und Nymphäen. Damit entwickelten sich die Kaiserthermen zu weit mehr als reinen Badeanlagen. Die Vielzahl an Räumen ermöglichte eine flexible Nutzung, sodass Besucher nicht an eine feste Abfolge der Badegänge gebunden waren. Zugleich bot die Anlage zahlreiche Möglichkeiten für sportliche, soziale und kulturelle Aktivitäten. Auf diese Weise wurden die Thermen zu multifunktionalen Zentren des öffentlichen Lebens im antiken Rom.

Der wegweisende Grundriss sah ein zentrales Hauptgebäude vor, das an drei Seiten von einer weitläufigen, portikusumschlossenen offenen Fläche umgeben war. Die bewusste Nordost–Südwest-Ausrichtung sorgte dafür, dass die Warmbaderäume möglichst intensiv und lange von der Sonne erwärmt wurden. Der monumentale Nordosteingang führte die Besucher direkt zur Natatio (5), einem großen Kaltwasser-Schwimmbecken unter freiem Himmel. Von dort aus gelangte man entlang der zentralen Mittelachse in das gewaltige Frigidarium (3), den Kaltbaderaum, dem das Tepidarium (2) für das lauwarme Bad und schließlich das markant vorspringende Caldarium (1) als Heißbaderaum folgten. Symmetrisch zu dieser Achse angeordnet befanden sich die Umkleideräume (Apodyterium (6)) sowie die weitläufigen Palästren (4), die als Übungsplätze für Sport und Ringen dienten. Die äußere Umfassungsmauer der Anlage beherbergte zudem prachtvolle Brunnenanlagen in Form von Prunknymphäen (7), eine monumentale große Exedra (8) im Südwesten sowie vermutlich auch Bibliotheken (9), die den Bürgern Raum für Bildung und Studium boten. © Bild: Wikimedia Commons

Die Trajansthermen überbauten ganz bewusst Teile der Domus Aurea, um das politisch diskreditierte Erbe Neros buchstäblich zu begraben. Durch diese monumentale Überformung wurde der ehemals exklusive, kaiserliche Raum in eine öffentliche Anlage für die Allgemeinheit umgewandelt – ein deutliches Zeichen der neuen Herrschaftslegitimation. Bereits im Jahr 80 n. Chr. hatten die Titusthermen diesen Prozess eingeleitet. Als Teil der flavischen Baupolitik zielten sie darauf ab, das privat genutzte Areal schrittweise der römischen Bevölkerung zurückzugeben.

Der Grundriss (© Bild: Wikimedia Commons) verdeutlicht die bewusste Überbauung der neronischen Domus Aurea durch die Trajansthermen auf dem Oppius-Hügel. Die Anlage wurde großflächig über den sogenannten Oppius-Pavillon gesetzt, was sich bis heute an der Achsenverschiebung ablesen lässt: Die Trajansthermen sind um etwa 30 Grad gedreht, um die Sonneneinstrahlung für die Heißbaderäume optimal zu nutzen. Da die Räume Neros als Unterbau (Substruktionen) dienten, blieben sie unter dem heutigen Bodenniveau erhalten und sind heute als unterirdische Hallen begehbar. Die links im Bild sichtbaren Titusthermen stellen einen kleineren Vorläufer aus dem Jahr 80 n. Chr. dar. Sie wurden rasch auf einem Teilbereich des neronischen Palastes errichtet und stehen im Kontext der flavischen Baupolitik im Umfeld des Kolosseum. 

Das Schicksal der Trajansthermen nach der Antike ist eine Geschichte von allmählichem Identitätsverlust und Substanzverlust. In Mittelalter und Renaissance waren die Ruinen zunächst noch als Thermae Traiani bekannt, doch wurden die erhaltenen Reste im späten 16. Jahrhundert mit den benachbarten Titusthermen verwechselt. Erst Rodolfo Lanciani trennte die beiden Komplexe im 19. Jahrhundert wieder sauber voneinander; wichtige Belege lieferten ihm unter anderem Fragmente der Forma Urbis, darunter solche mit der Inschrift THERMAE TRAIANI.



Über die Jahrhunderte wurde die Anlage immer weiter reduziert; wie viele antike Monumente Roms dienten auch die Trajansthermen als Steinreservoir, während sich das Stadtgebiet in spätantiker und mittelalterlicher Zeit wandelte und viele aufgegebene Flächen zu Gärten und Weinbergen wurden. Dennoch waren in der Renaissance noch so bedeutende Reste sichtbar, dass Architekten wie Andrea Palladio den Grundriss studieren und zeichnerisch festhalten konnten. 

Auch in der frühen Neuzeit blieb die Anlage ein eindrucksvolles Ruinenfeld, wurde jedoch häufig falsch interpretiert: So zeigen die Stiche von Giovanni Battista Piranesi im 18. Jahrhundert die Überreste zwar detailliert, bezeichnen sie jedoch irrtümlich als „Thermen des Titus“. Giovanni Battista Piranesi: "Baths of Titus" 1756. © Bild: Wikimedia Commons

Ein besonders berühmter Fund aus demselben archäologischen Umfeld ist die Laokoon-Gruppe, die 1506 auf dem Esquilin entdeckt und unmittelbar identifiziert wurde; sie gehört zu den bekanntesten Wiederentdeckungen der Renaissance in Rom und wird mit dem Bereich nahe der Domus Aurea in Verbindung gebracht.

Die Thermen als „romantischer Garten“

Während die Trajansthermen in der Antike ein Wunderwerk der Technik und ein Symbol kaiserlicher Fürsorge waren, boten sie Reisenden der Grand Tour im 17. und 18. Jahrhundert ein völlig anderes Bild. Für die jungen Adligen und Gelehrten, die auf ihrer Bildungsreise durch Italien das Erbe der Antike suchten, waren die Thermen nicht mehr das pulsierende Freizeitzentrum Roms, sondern eine gigantische, von der Natur zurückeroberte Ruinenlandschaft. Die gewaltigen Hallen waren längst eingestürzt oder von Schutt und Erde bedeckt. Die einstigen Prachtbauten auf dem Esquilin präsentierten sich nur noch als malerische Fragmente: Riesige, backsteinerne Mauerkerne ragten wie künstliche Felsen aus Weinbergen und Gärten empor. Da die kostbaren Marmorverkleidungen und Statuen im Lauf der Jahrhunderte geraubt oder in Kalkbrennereien verwendet worden waren, lag die nackte Ziegelbauweise offen zutage.

Für den typischen „Grand-Tour-Reisenden“ wurden die antiken Thermen zu Orten der Kontemplation. Man wandelte zwischen den Ruinen, skizzierte Exedren und Mauerreste und sinnierte über die Vergänglichkeit von Macht und Größe. Die weitläufigen Anlagen, einst Schauplätze von Bildung und körperlicher Ertüchtigung, präsentierten sich nun als offene Ruinenlandschaften – von Verfall gezeichnet, aber gerade darin von jener „erhabenen“ Schönheit, die dem Empfinden der Romantik entsprach. View of the Thermes of Titus 1776. © Bild: Wikimedia Commons

Besonders abenteuerlustige Reisende ließen sich durch Mauerdurchbrüche in die sogenannten „Grotten“ hinab — die tief unter dem Schutt liegenden, noch zugänglichen Gewölbe der Domus Aurea. Im fahlen Schein ihrer Fackeln bestaunten sie dort jene filigranen Wandmalereien, die bereits die Künstler der Renaissance inspiriert hatten. Da die Räume oft bis knapp unter die Decke mit Erde gefüllt waren, konnten die Grand-Touristen die antiken Fresken fast berühren. Wie schon Generationen von Künstlern vor ihnen verewigten sie sich mit eingeritzten Graffiti an den Gewölben und dokumentierten so ihren Besuch in der Unterwelt des antiken Rom.

Die Trajansthermen im heutigen Stadtbild

Heute präsentiert sich das Areal der Trajansthermen als weitläufige, grüne Parkanlage auf dem Esquilin, in der noch einige Ruinen wie monumentale Skulpturen aus dem Rasen ragen. Der moderne Besucher sieht vor allem die massiven Backsteinkerne der ehemaligen Gebäudestrukturen, die einen Eindruck von den gigantischen Ausmaßen der Anlage vermitteln. Besonders markant sind die Überreste der großen Exedra im Nordosten sowie die Ruinen monumentaler Apsiden, die vermutlich als Bibliotheken oder Lesesäle genutzt wurden. Abseits der Hauptwege verbirgt sich zudem ein technisches Meisterwerk: die Sette Sale. Diese gewaltige antike Zisterne, die einst große Wassermengen für den Badebetrieb speicherte, ist heute nur eingeschränkt zugänglich und kann in der Regel lediglich im Rahmen von Führungen oder Sonderöffnungen besichtigt werden. Während die oberirdischen Hallen weitgehend verschwunden sind, bilden die erhaltenen Mauerstrukturen eine eindrucksvolle Kulisse für Spaziergänger.

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BILDNACHWEIS:

  • Sämtliche Fotografien wurden von mir während des Besuchs der archäologischen Stätte bzw. im Rahmen einer offiziellen Führung aufgenommen. Die Bilder dienen der dokumentarischen Darstellung des Besuchs. Eventuell abgebildete Rekonstruktionszeichnungen oder Informationsgrafiken sind Teil der Ausstellung vor Ort und unterliegen den jeweiligen Urheberrechten.
  • Samual B. Platner: Plan of the Baths of Trajan in Rome. © Bild: Wikimedia Commons
  • Cassius Ahenobarbus: Plan des thermes de Trajan (fond de plan seulement). © Bild: Wikimedia Commons
  • Cassius Ahenobarbus: Thermes de Trajan sur la maquette d'I. Gismondi. Museo della Civilta Romana. © Bild: Wikimedia Commons
  • Giovanni Battista Piranesi: "Baths of Titus" 1756. © Bild: Wikimedia Commons
  • Vincenzo Brenna and Franciszek Smuglewicz: View of the Thermes of Titus 1776. © Bild: Wikimedia Commons

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Das Forum Romanum


Kaiserpaläste auf dem Palatin

Die Kaiserforen in Rom

BUCHEMPFEHLUNGEN

 

  • Martino La Torre: Römische Thermen. Philipp von Zabern (2012)
  • Erika Brödner: Römische Thermen und das antike Badewesen. Primus in Herder (2011)
  • Ernst Künzl: Die Thermen der Römer. Theiss in Herder (2013)
  • Marga Weber: Antike Badekultur. C. H. Beck (1996)
  • Christoph Kehl: Luxus im Alltag des antiken Roms: Römische Thermen. GRIN (2012)
  • Heiner Knell: Kaiser Trajan als Bauherr: Macht und Herrschaftsarchitektur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (2010)
  • Filippo Coarelli: Rom. Ein archäologischer Führer. Zabern (2000) 
  • Ernst Zacharias Platner u.a: Beschreibung der Stadt Rom: Band III. Die sieben Hügel, der Pincio, das Marsfeld und Trastevere. Adamant Media Corporation (2002)
  • Hannah Cornwell: Die Pax Romana und die Idee vom Imperium: Frieden in der römischen Antike. In: Antike Welt (2018)
  • Paul Zanker: Augustus und die Macht der Bilder. Beck (1987) 
  • Jessica Maier u. a.: Rom - Zentrum der Welt: Die Geschichte der Stadt in Karten, Plänen und Veduten. ‎ Theiss in Herder (2022)
  • Christoph Höcker: Reclams Städteführer Rom. Architektur und Kunst. Reclam (2020)
  • Christoff Neumeister: Das antike Rom: Ein literarischer Stadtführer. Beck (2010)
  • Henner von Hesberg: Römische Baukunst. Beck (2005)
  • Klaus Grewe: Aquädukte: Wasser für Roms Städte. Regionalia (2019)   
  • Jonathan Boardman: Rome: A Cultural History.  Interlink Books (2007)
  • Jon Coulston & Hazel Dodge: Ancient Rome: The Archaeology of the Eternal City. Oxford University School of Archaeology (2000)
  • Marco Bussagli: Rome: Art and Architecture. Konemann (2010)
  • Filippo Coarelli: Rom: Der archäologische Führer. WBG (2019)
  • Ingemar König: Caput Mundi: Rom - Weltstadt der Antike. WBG (2009)
  • Peter Connolly und Hazel Dodge: The Ancient City: Life in Classical Athens & Rome. Oxford University Press (1998)
  • Anton Henze: Kunstführer Rom. Reclam (1994)
  • Heinz-Joachim Fischer: Rom. Zweieinhalb Jahrtausende Geschichte, Kunst und Kultur der Ewigen Stadt. DuMont (2001)
  • Karl-Joachim Hölkeskamp und Elke Stein-Hölkeskamp (Hrsg.): Erinnerungsorte der Antike. Die römische Welt. Beck (2006)