Der Tempel des Apollon Epikourios in Bassai

Hoch in den kargen Bergen Westarkadiens thront der Tempel des Apollon Epikourios, der in populären Darstellungen oft als „Parthenon des Peloponnes“ bezeichnet wird. Das Meisterwerk, traditionell dem berühmten Architekten Iktinos zugeschrieben, zählt zu den am besten erhaltenen Tempeln der Antike. Heute schützt ein markantes Zeltdach die Ruine, die Besuchern einen außergewöhnlich klaren Einblick in antike Bautechniken bietet: Viele Bauteile – von Fundamenten über Säulentrommeln bis hin zu Architraven – sind sichtbar freigelegt und zugänglich. Architektonisch ist der Bau bemerkenswert, weil er dorische Außensäulen, ionische Innengliederung und — als frühesten belegten Befund — eine einzelne korinthische Säule im Innenraum vereint.


Der Tempel des Apollon Epikourios in Bassai, der nach der Antike lange in Vergessenheit geraten war, wurde 1765 vom französischen Architekten Joachim Bocher wiederentdeckt. 1811–1812 barg eine Gruppe britisch-europäischer Reisender und Antikeninteressierter (u. a. C. R. Cockerell, Carl Haller von Hallerstein, Otto von Stackelberg) 23 Platten des inneren Frieses. Nach einem Verkauf über Zakynthos gelangten die Fragmente 1815 ins British Museum in London, wo sie bis heute ausgestellt sind. Der Tempel zog auch Künstler an: John Foster fertigte 1820 Zeichnungen an, Edward Dodwell veröffentlichte 1821 Ansichten, und Karl Pawlowitsch Brjullow malte 1835 ein Aquarell — Zeugnisse der romantischen Faszination des 19. Jahrhunderts für antike Ruinen.


Das Gebiet von Bassai liegt an den westlichen Hängen des Kotilion-Gebirges im Grenzraum zwischen Arkadien, Triphylien und Messenien, nahe der Polis Phigaleia. Die hochgelegene, von tief eingeschnittenen Schluchten (Vassai) geprägte Landschaft gab der Stätte ihren Namen. In dieser isolierten Bergregion etablierten die Phigaleier bereits im späten 8. bis frühen 7. Jahrhundert v. Chr. ein Heiligtum des Apollon, das über eine nach modernen topographischen Berechnungen etwa 13 km lange heilige Straße mit Phigaleia verbunden war.

  © Bild: Wikimedia Commons

Zentraler Kultbau des Heiligtums war der Tempel des Apollon Epikourios. Der Beiname Epikourios („der Helfende“) wird in der lokalen Tradition entweder mit einer angeblichen Unterstützung Apollons in einem frühen, ins 7. Jahrhundert v. Chr. zu datierenden Konflikt der Phigaleier und Messenier gegen Sparta erklärt oder — nach Pausanias — mit einer vermeintlichen Hilfe bei der Abwehr einer Seuche während des Peloponnesischen Krieges (431–404 v. Chr.). Eine in der Nähe des Tempels gefundene Inschrift nennt Apollon Bassitas; dieser Name ist ein epichorischer Beiname, das heißt ein Beiname, der den Bezug des Gottes zu einem bestimmten Ort ausdrückt. Er verdeutlicht somit, dass Apollon in Bassai kultisch verwurzelt war, also dort besonders verehrt und im Heiligtum lokal verankert wurde.


Die Entwicklung des Heiligtums steht in engem Zusammenhang mit den politischen und militärischen Auseinandersetzungen des südwestlichen Peloponnes. Phigaleia trat wiederholt auf Seiten Messeniens gegen Sparta auf; es ist plausibel, dass nach einem spartanischen Sieg Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. (ca. 650 v. Chr.) Flüchtlinge in Bassai Schutz suchten. Das archäologische Fundspektrum — Terrakottafiguren, Metall- und Schmuckobjekte sowie sowohl votive (meist bronzene) als auch echte (eisenzeitliche) Waffen — belegt intensive Kultpraxis und spricht für frühe kriegerische Assoziationen des Apollonkults; ergänzt werden diese Befunde durch Hinweise auf metallhandwerkliche Tätigkeit in der Umgebung.

Der archaische Tempel

Der frühere Tempel des Apollon stammt aus dem späten 7. Jahrhundert v. Chr. und blieb bis zum Bau des klassischen Gebäudes in Gebrauch. Beim Errichten des späteren Tempels wurde das nördliche Ende des archaischen Baus abgetragen. Die auf der Stätte erhaltenen Fundamentreste sowie wenige überlieferte architektonische Elemente der aufgehenden Konstruktion erlauben eine rekonstruierende Annäherung.



Der archaische Tempel maß etwa 25 × 7,5 m und besaß keinen äußeren Säulenumlauf . Er war ein einfacher, länglicher Bau ohne Peristasis, doch trotz dieser Schlichtheit weist er bemerkenswerte Parallelen zum späteren klassischen Tempel auf: denselben Grundriss, eine ähnliche innere Raumaufteilung, dieselbe Nord-Süd-Ausrichtung und vermutlich identisches Baumaterial. Archäologische Befunde deuten darauf hin, dass der Bau zwischen dem 6. und frühen 5. Jahrhundert v. Chr. ein- bis zweimal umgestaltet wurde.

Der klassische Neubau und seine Architektur

Der klassische Tempel wurde auf dem Felsbett einer eigens errichteten Terrasse erbaut. Wie mehrere arkadische Tempelbauten ist er ungewöhnlich nord-süd-orientiert, während griechische Tempel traditionell nach Osten ausgerichtet sind. Die Gründe dafür sind nicht sicher bekannt; als wahrscheinlich gelten topographische Zwänge oder regionale Bautraditionen. Antiken Autoren zufolge – besonders Pausanias – ließen die Bewohner von Phigaleia den Tempel zu Ehren Apollons errichten, der ihnen während einer Pestepidemie geholfen haben soll. In seiner Beschreibung berichtet Pausanias, dass Apollon den Menschen eine Heilpflanze gezeigt habe, durch die sie gesund wurden. Aus Dank dafür habe man den Tempel des Apollon Epikourios, also „Apollon der Helfer“, gebaut. Obwohl diese Überlieferung nicht historisch überprüfbar ist, spiegelt sie die kultische Bedeutung des Ortes gut wider.


Der heute sichtbare Tempel entstand in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr., wahrscheinlich zwischen 430 und 400 v. Chr.. Pausanias schreibt den Bau dem berühmten Architekten Iktinos, einem der beiden Architekten des Parthenon, zu – diese Zuordnung wird in der Forschung heute allerdings vorsichtig betrachtet, jedoch nicht völlig verworfen. Das Baumaterial stammt überwiegend aus dem lokalen grauen Kalkstein, dessen kühler Farbton gut zur rauen, windumtosten Landschaft passt. Für besonders hochwertige Elemente – die ionischen und korinthischen Kapitelle sowie den berühmten - heute im British Museum befindlichen - Fries wurde Doliana-Marmor verwendet.

Der etwa 39 × 14,4 Meter große Apollontempel in Bassai ist ein peripteraler, hexastyler Bau mit dorischer Außensäulenstellung. Die dorischen Säulen der Ringhalle (Peristasis) sind etwa 6 Meter hoch. Er besitzt sechs Säulen an den Schmalseiten und ungewöhnlich viele – fünfzehn – an den Längsseiten, was ihm einen besonders langgestreckten, archaisch wirkenden Grundriss verleiht. Die Innenräume gliedern sich in Pronaos (4), Cella (3), Adyton (2) und Opisthodom (1). Sowohl Pronaos als auch Opisthodom sind distyl in antis gestaltet – das bedeutet, dass zwei Säulen zwischen den vorgezogenen Seitenwänden (den sogenannten Anten) stehen und so die Front des jeweiligen Raumes bilden. Ungewöhnlich ist zudem ein zweiter Zugang zur Cella an der Ostseite sowie die Nord-Süd-Ausrichtung des Tempels. Im Inneren kombiniert der Bau verschiedene Ordnungen: Ionische Halbsäulen entlang der Cella und eine frühe korinthische Säule im Adyton. Dadurch verbindet der Tempel archaische Traditionen mit architektonischen Innovationen des 5. Jahrhunderts v. Chr. © Bild: Wikimedia Commons

Trotz intensiver Forschung bleibt vieles am Tempel rätselhaft. So ist nicht gesichert, ob der Bau ursprünglich eine Kultstatue enthielt. Zwar wurde im hinteren Teil des Tempels ein fragmentarischer, übergroßer Marmorfuß gefunden, dieser stammt jedoch erst aus hellenistischer Zeit (ca. 150–100 v. Chr.) und gehörte somit nicht zur ursprünglichen Ausstattung des klassischen Tempels.

Charles Cockerell's depiction of the temple

 of Apollo at Bassae: © Bild: Wikimedia Commons

Die Wiederentdeckung des Tempels

Entdeckt wurde der Tempel 1765 durch den französischen Architekten Joachim Bocher, der im Dienst Venedigs stand. Um 1811 formierte sich dann in Athen eine lose Gemeinschaft reisender Künstler und Antikenforscher, die sich selbst „Xeneion“ bzw. „Society of Travellers“ nannte. Zu ihr gehörten unter anderem Charles Robert Cockerell, Karl Haller von Hallerstein, Otto Magnus von Stackelberg, Jakob Linckh und John Foster. Dieser von der Grand-Tour-Tradition geprägte Kreis unternahm mehrere Reisen auf der Peloponnes und führte 1811–1812 Freilegungen am Tempel durch.

Bassae Temple of Apollo by John Foster 1820: © Bild: Wikimedia Commons

Dabei wurden die 23 Platten des inneren Frieses mit Darstellungen des Kampfes zwischen Griechen und Amazonen (Amazonomachie) sowie dem Kampf zwischen Lapithen und Kentauren (Kentauromachie) geborgen. Die Platten gelangten zunächst nach Zakynthos und wurden 1815 verkauft, worauf sie in das British Museum in London kamen. Da die Fundpunkte nicht immer genau dokumentiert wurden, bereitete die spätere Rekonstruktion des Frieses Schwierigkeiten. Cockerell und Hallerstein spielten bei den Arbeiten eine führende Rolle, während Foster und Linckh an der Bergung sowie der zeichnerischen Dokumentation beteiligt waren.

Der von der „Xeneion“-Gruppe entdeckte Relief-Fries von der Cella-Innenwand befindet sich seit 1815 im Britischen Museum in London. Auf diesem Teil ist Apollon zu sehen, als Gott des Tempels, der an der Schlacht teilnimmt. Während er einen Pfeil abschießt, wird er von seiner Schwester Artemis in einem von Hirschen gezogenen Wagen geführt. © Photograph by Mike Peel: Wikimedia Commons

Der Apollontempel in Bassai zählt trotz – oder gerade wegen – seiner abgelegenen Lage zu den am besten erhaltenen Tempeln Griechenlands. Von den einst 42 Säulen (6 × 15) stehen noch immer 39 nahezu an ihrem ursprünglichen Ort, und auch große Abschnitte des umlaufenden Mauerwerks haben die Zeit überdauert. Als der Tempel im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, bot sich dennoch ein stark zerstörtes Bild: Fast das gesamte aufgehende Mauerwerk war eingestürzt; lediglich die Säulen und massiven Orthostaten der unteren Schichten waren stehengeblieben. Die frühen Forscher richteten zahlreiche Bauteile wieder auf, sodass der heutige Zustand teilweise einer rekonstruierten Stabilisierung entspricht. Ein Dach war schon in der Antike spätestens seit dem 4.–5. Jh. n. Chr. nicht mehr vorhanden; archäologisch wurden keinerlei Hinweise auf eine spätere Dachdeckung oder Dachreste gefunden. Der Innenraum des Tempels ist ebenfalls nur in seinen Grundstrukturen erkennbar, doch erlauben die erhaltenen Säulen, Wände und Fundamentlinien einen ungewöhnlich klaren Eindruck von der originalen Architektur.


Heute steht der Tempel aus konservatorischen Gründen unter einem großflächigen Schutzzelt, das seine Sichtbarkeit etwas einschränkt, dafür aber die antiken Bauteile vor Erosion schützt.

Apollontempel in Bassai

Bassae ist einer der besten Orte, um den Aufbau eines griechischen Tempels zu verstehen. Der Apollontempel ist nämlich in seiner Substanz sehr gut erhalten, zugleich an mehreren Stellen freigelegt bzw. teilweise auseinandergenommen, sodass einzelne Bauteile besonders gut erkennbar sind. Man kann dort unter anderem deutlich sehen:

  • Stylobat und Krepis – die gestuften Fundamentplattformen, auf denen der Tempel ruht.
  • Säulentrommeln und Kapitelle der dorischen Außensäulen – die einzelnen Trommeln (gestapelte Zylindersegmente) der Säulen und ihre Kapitelle sind gut sichtbar; innen tritt eine andere Ordnung hinzu (ionisch), außerdem befindet sich im Inneren die früheste belegte Verwendung eines korinthischen Kapitells.
  • Architrave über den dorischen Außensäulen.
  • Quader der Cellamauer – die massiven Steinblöcke der Naos- (Cella-)Wände sind deutlich sichtbar; an ihnen lassen sich Bauweise und Blockverbindungen gut studieren.
Apollontempel in Bassai
Apollontempel in Bassai
Apollontempel in Bassai
Apollontempel in Bassai
Apollonrtempel bei Bassai
Apollontempel in Bassai
Apollontempel in Bassai
Apollontempel in Bassai

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Apollontempel bei Bassae


BUCHEMPFEHLUNGEN

 

  • Hedwig Kenner: Der Fries des Tempels von Bassae-Phigalia. Deutische (1946)
  • Frederick A. Cooper: The Temple of Apollo at Bassai. A Preliminary Study. Garland Pub. (1978)
  • Konstantinos A. Papadopoulos: The Temple of Apollo at the Arcadian Bassai. Hellenic Ministry of Culture. Ephorate of Antiquities of Ilia (2023)
  • Brian C. Madigan: The Temple of Apollo Bassitas II (1992)
  • Lambert Schneider: DuMont Kunst Reiseführer Peloponnes: Mykenische Paläste, antike Heiligtümer und venezianische Kastelle in Griechenlands. (2011)
  • Maximilian Rönnberg: Die Peloponnes: Ein archäologischer Reiseführer. Schnell & Steiner (2023)
  • Patrick Schollmeyer: Die 40 bekanntesten archäologischen Stätten auf der Peloponnes. ‎ Nünnerich-Asmus (2025)
  • Helmut Berve u.a.: Griechische Tempel und Heiligtümer. Hirmer (1961)
  • Gottfried Gruben: Die Heiligtümer und Tempel der Griechen. Hirmer (2001)
  • Ulrich Sinn: Die antiken Tempel: Geschichte, Funktionen und Archäologie (Handbuch der Archäologie) C.H. Beck 
  • Richard T. Neer: Kunst und Archäologie der griechischen Welt: Von den Anfängen bis zum Hellenismus. Philipp von Zabern (2013)
  • Hans Günter Buchholz: Ägäische Bronzezeit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (1987)