Das Stadion des Domitian
Unter dem barocken Glanz der Piazza Navona verbirgt sich eines der besten Beispiele antiker Kontinuität: das Stadion des Domitian. Sein langgestreckter Grundriss prägt bis heute die Form des Platzes und verweist auf eine Anlage, die um 85/86 n. Chr. im Rahmen eines umfassenden Bauprogramms auf dem Marsfeld entstand. Errichtet unter Kaiser Domitian (81–96 n. Chr.) verband das Stadion griechische Wettkampftraditionen mit römischer Repräsentationspolitik. Neben dem Stadion entstand auch ein Odeon für musische Darbietungen, wodurch ein funktionales Ensemble aus Sport und Kunst entstand.

Bild: Infotafel. Eigenes Foto während der Besichtigung.
Domitian, der von 81 bis 96 n. Chr. als letzter Kaiser der flavischen Dynastie regierte, prägte Rom nicht nur politisch, sondern auch durch weitreichende Bauprojekte und eine gezielte Förderung öffentlicher Unterhaltung. Wie bereits sein Vater Vespasian, sein Bruder Titus und zuvor Nero erkannte er, dass öffentliche Spiele und Spektakel ein wirksames Mittel waren, um die Gunst des Volkes zu gewinnen und die gesellschaftliche Ordnung zu stabilisieren. Domitian machte sich diese Strategie bewusst zunutze und verband sie mit einem ambitionierten architektonischen Programm, das das Stadtbild Roms nachhaltig veränderte.
Der Agon Capitolinus
Mit der Einführung des Agon Capitolinus im Jahr 86 n. Chr. schuf Domitian ein neues, alle fünf Jahre veranstaltetes Fest nach griechischem Vorbild, das Rom kulturell aufwerten und als Konkurrenz zu den großen griechischen Agonen, insbesondere den Olympischen Spielen, etablieren sollte. Die Kapitolinischen Spiele waren Jupiter Optimus Maximus geweiht und verbanden sportliche, musische und literarische Wettbewerbe zu einer prestigeträchtigen Großveranstaltung, die den kulturellen Anspruch der Hauptstadt des Imperiums unterstreichen sollte. Das Wettkampfprogramm umfasste griechisch geprägte athletische Disziplinen wie Laufwettbewerbe, Ringen, Boxen, Pankration und den Fünfkampf sowie musikalische, poetische und rhetorische Wettbewerbe. Damit verband der Agon Capitolinus körperliche Leistungsfähigkeit mit künstlerischer Bildung und orientierte sich bewusst an den großen panhellenischen Festen Griechenlands.

Abgeleitet vom griechischen pankrátion („Allkampf“ bzw. „Allkraft“) galt das Pankration als die härteste und brutalste Disziplin des antiken Wettkampfprogramms und zugleich als eine der populärsten. © Bild: Wikimedia Commons
Mit diesen Kapitolinischen Spielen verfolgte Domitian weit mehr als ein repräsentatives Festprogramm. Sein Ziel war es, die in Rom bislang wenig verankerte griechische Athletik zu fördern und eine kultiviertere Form öffentlicher Unterhaltung zu etablieren, die sich bewusst von den blutigen Gladiatorenspielen und Tierhatzen abhob. Der Agon Capitolinus sollte körperliche Ertüchtigung, musische Bildung und griechische Lebensart als Ausdruck urbaner Kultur in Rom verankern. Zugleich nutzte Domitian das Fest, um sich als Förderer von Bildung, Disziplin und kultureller Erneuerung zu inszenieren.
Der Kaiser selbst führte den Vorsitz über die Spiele und verlieh ihnen durch seine feierliche Präsenz einen sakralen und politischen Charakter. So verband der Agon Capitolinus sportlichen Wettkampf, künstlerische Darbietung, religiöse Repräsentation und kaiserliche Selbstdarstellung zu einem vielschichtigen Herrschaftsinstrument. Domitians offener Philhellenismus stieß jedoch nicht überall auf Zustimmung: Vor allem konservative Kreise der römischen Elite betrachteten die starke Orientierung an griechischen Wettkämpfen und Bildungsidealen mit Skepsis und sahen darin eine problematische Abkehr vom mos maiorum, der römischen Tradition. Dennoch markieren der Agon Capitolinus und die für ihn errichteten Bauten einen bedeutenden Versuch, Rom nicht nur architektonisch, sondern auch kulturell neu zu definieren.
Das Stadion Domitiani
Um einen angemessenen Rahmen für diese Agone zu schaffen, ließ Domitian im Marsfeld (Campus Martius, heute Campo Marzio) zwei monumentale Bauwerke errichten: ein Stadion für die sportlichen Wettkämpfe und ein Odeon für die musikalischen Darbietungen. Beide Gebäude standen in der Tradition griechischer Festarchitektur und waren Teil eines umfassenden Projekts zur Neugestaltung des zentralen Marsfeldes, in dessen Umfeld sich bereits das Theater des Pompeius befand.

Bild: Infotafel. Eigenes Foto während der Besichtigung.
Das zwischen 85 und 86 n. Chr. errichtete Stadion des Domitian zählte zu den imposantesten Bauwerken des antiken Rom. In der Antike war das Stadion auch als Circus Agonalis bekannt und gilt als das erste gemauerte Stadion der griechisch-römischen Welt, das speziell für athletische Wettkämpfe bestimmt war.

Der Begriff „Stadion“ leitet sich vom griechischen stadion ab – einem Längenmaß von etwa 180 Metern, das zugleich die Distanz des bedeutendsten Wettkampfs der griechischen Spiele bezeichnete: des Laufes. Das Stadion des Domitian war in seiner Form einem Circus ähnlich: Es besaß zwei parallele Längsseiten, eine gebogene Schmalseite sowie eine leicht schräg verlaufende Seite und maß etwa 275 × 106 Meter. Als einzig bekanntes Beispiel eines gemauerten Stadions außerhalb der griechischen Welt stellte es eine architektonische Besonderheit dar. Errichtet wurde der Bau aus Travertinblöcken und Ziegelmauerwerk. Die Außenfassade war durch zwei übereinanderliegende Arkadenreihen gegliedert, die auf Pfeilern mit vorgestellten Halbsäulen ruhten. Die Haupteingänge lagen jeweils in der Mitte der Längsseiten sowie an der Rundung des Halbkreises und wurden durch Portiken mit Marmorsäulen hervorgehoben. Die Zuschauerränge waren in mehrere übereinander angeordnete Sektoren (maeniana) gegliedert und boten nach Schätzungen Platz für bis zu 30.000 Menschen. Bild: Eigenes Foto während der Besichtigung.
Domitians doppelte Bühne
Die von Domitian geförderte griechische Formensprache fand nicht nur im öffentlichen Raum des Marsfeldes Ausdruck. Auch innerhalb seines Palastkomplexes auf dem Palatin ließ der Kaiser eine stadionartige Anlage errichten, die deutliche architektonische Parallelen zum Stadion auf dem Marsfeld aufweist. Das sogenannte Palatinische Stadion besaß ebenfalls einen langgestreckten Grundriss mit halbrundem Abschluss und griff damit bewusst die Gestalt antiker Stadien beziehungsweise Hippodrome auf.
Das unter Kaiser Domitian errichtete Palatinische Stadion bildet den östlichen Abschluss des kaiserlichen Palastkomplexes. Die Anlage folgt dem Grundriss eines antiken Stadions beziehungsweise Hippodroms: Ein langrechteckiger Mittelbereich von etwa 161 × 48 Metern endet an der Südseite in einem halbkreisförmigen Abschluss.
Im Unterschied zum öffentlichen Stadion diente die Anlage auf dem Palatin jedoch vermutlich nicht sportlichen Wettkämpfen. Ihre genaue Funktion ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich handelte es sich um einen repräsentativen Garten- und Hofraum innerhalb der Domus Augustana, der für Spaziergänge, höfische Zeremonien oder private Empfänge genutzt wurde. Die Architektur orientierte sich zwar an der Form eines Stadions, erfüllte jedoch vor allem repräsentative Zwecke innerhalb des kaiserlichen Wohnbereichs.
Unter der Piazza Navona: Die erhaltenen Reste des Stadions des Domitian
Nach dem Ende der antiken Wettkämpfe blieb die monumentale Bausubstanz des Stadions über Jahrhunderte hinweg erhalten und wurde schrittweise in die mittelalterliche und frühneuzeitliche Bebauung integriert. Anstatt den antiken Bau vollständig abzutragen, nutzte man seine Fundamente und Außenmauern als Grundlage für neue Häuser und Straßen. Auf diese Weise blieb der ovale Grundriss des Stadions im Stadtbild bewahrt und prägt bis heute die Gestalt der Piazza Navona, in der sich antike Struktur und barocke Umgestaltung auf eindrucksvolle Weise überlagern.

Die heutige Piazza Navona verdankt ihre charakteristische langgestreckte Form dem antiken Stadion des Domitian, das sich einst an dieser Stelle erhob. © Bild: Wikimedia Commons
Bei Ausgrabungen im Jahr 1936 wurde ein Abschnitt der Cavea im Bereich eines ehemaligen Haupteingangs freigelegt. Sichtbar wurden dabei massive Unterkonstruktionen aus Ziegel- und Travertinmauerwerk, die die Dimensionen des Stadions eindrucksvoll belegen.

Bild: Infotafel. Eigenes Foto während der Besichtigung.
Unter den Funden befand sich auch ein Torso aus pentelischem Marmor – eine römische Kopie des Apollon Lykeios nach einem Werk des Praxiteles. Weitere Reste sind bis heute in den Kellern der umliegenden Gebäude erhalten, etwa unter der Kirche Sant'Agnese in Agone sowie in den Untergeschossen der École Française de Rome.
Zugänglich sind die Überreste heute in der Area Archeologica dello Stadio di Domiziano, einem unterirdischen archäologischen Areal unter der Piazza Navona, das Teile der Cavea und der antiken Strukturen zeigt und zugleich einige der Funde präsentiert.
BILDNACHWEIS:
- Sämtliche Fotografien wurden von mir während des Besuchs der archäologischen Stätte bzw. im Rahmen einer offiziellen Führung aufgenommen. Die Bilder dienen der dokumentarischen Darstellung des Besuchs. Eventuell abgebildete Rekonstruktionszeichnungen oder Informationsgrafiken sind Teil der Ausstellung vor Ort und unterliegen den jeweiligen Urheberrechten
- Myrabella: Piazza Navona. © Bild: Wikimedia Commons
- MatthiasKabel: Pankratiasten im Bodenkampf. Verkleinerte Nachbildung einer römischen Marmorplastik, die wiederum auf ein griechisches Vorbild des 3.Jhdts v.Chr. zurückgeht. Die Kopie ist von ca. 1900. Staatliche Antikensammlungen. © Bild: Wikimedia Commons

Suchbegriff bei Google Maps:
Area Archeologica Stadio di Domiziano
BUCHEMPFEHLUNGEN
- Ute Schall: Domitian. Der römische Kaiser und seine Zeit. Fehnland (2021)
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